Rodolfo “Cacho” Dinzel

Unser erster Besuch im Estudio Dinzel war ein regelrechter Kulturschock. Das Estudio Dinzel liegt in einer kleinen, unscheinbaren Straße hinter einer Tür, die so unauffällig ist, daß wir mehrmals daran vorbeigegangen sind. Hat man die Tür aber schließlich gefunden, geht man zunächst durch einen etwa 10 Meter langen, schmalen, unüberdachten Gang. Von dort aus gelangt man dann in das eigentliche Estudio. Es besteht aus einem kleinen, begrünten Innenhof, zwei quadratischen Räumen von etwa 4 ½ mal 4 ½ Metern, einer Stehküche und einem Klo. Im Innenhof, wo ein paar klapprige Stühle stehen, kann man sich aufhalten und den Tänzern zuschauen, miteinander plaudern und Mate trinken. Als wir zum erstenmal dort waren, trauten wir unseren Augen nicht, als wir sahen, wie die Leute in den winzigen Räumen tanzten - da war von Anfängern bis hin zu Profis alles vertreten.

Was dort getanzt wurde, war so frei und phantasievoll und geprägt von der Lust am Spiel, so etwas hatten wir noch nie gesehen. Während wir noch völlig eingeschüchtert da hockten, stand plötzlich Rodolfo Dinzel hinter uns und sagte: “Relax! Everything is normal here!” Wir erfuhren, daß das Prinzip des Estudio darin bestand, daß jeder von jedem lernte. Zusätzlich war neben Rodolfo immer eine Lehrerin anwesend (damals Adriana Duré und María Rozas), die sich nach Bedarf um die Schüler kümmerte. Gegen einen Monatsbeitrag durfte man soviel Zeit dort verbringen, wie man erübrigen konnte – das ließen wir uns nicht zweimal sagen.

Zu unserer Ernüchterung wurden wir als erstes dazu verdonnert, in dem langen Gang, der von der Straße zum Innenhof führte, stundenlang gehen zu üben. Mit der Zeit haben wir natürlich auch mehr und mehr mit den anderen getanzt, eine unvergeßliche Erfahrung.

In unregelmäßigen Abständen gab Rodolfo Dinzel auch Wochenendseminare im Estudio, und wir hatten das Glück, an einem teilnehmen zu können. Am ersten Tag gab es Theorie: Rodolfo hielt einen mehrstündigen Vortrag, eine sehr philosophische Darstellung seiner Vorstellungen vom Tango, von denen wir hier nur einige wesentliche Punkte erwähnen wollen:

- Das Tanzen ist eine Suche nach Freiheit.
- Wer sich beim Tanzen auf auswendig gelernte Figuren verlassen muß, ist nicht frei.
- Nur wer improvisiert und spielt, ist frei.
- Der Tango wurde Ende des 19. Jahrhunderts “erfunden”, als die Machos noch meinten, sie hätten unangefochten das Sagen, und deswegen war klar, daß sie auch beim Tanzen unangefochten führten. Mittlerweile aber ist der Tango im 21. Jahrhundert angekommen, und es gibt keinen Grund, warum die veränderten Geschlechterrollen nicht auch im Tanz ihren Ausdruck finden sollten.
- Der Tango ist ein Dialog, das heißt, daß beide Partner aktiv an seiner Gestaltung beteiligt sind, daß also die Führung nicht allein vom Mann ausgeht und der Tanz damit zum Monolog wird.

Am zweiten Tag gab es Übungen zur Improvisation und zum Spiel zwischen den Partnern.

All das war für uns neu, verunsichernd und aufregend, denn von Freiheit und Spielen beim Tangotanzen hatten wir noch nie etwas gehört – und schon gar nicht davon, daß Frauen etwas mit der Führung zu tun haben. Aber während der Wochen, die wir im Estudio Dinzel verbrachten, bekamen wir eine Menge davon zu sehen.

Vor unserer Reise nach Buenos Aires hatten wir noch nie etwas von Rodolfo Dinzel gehört. Und selbst als wir schon regelmäßig ins Estudio gingen, dauerte es noch eine Weile, bis wir erfuhren, wer dieser Mann ist und welche Rolle er für den Tango in Buenos Aires spielt. Anfangs bekamen wir nur mit, daß alle ihm, obwohl sie locker mit ihm umgingen, eine große Ehrfurcht entgegenbrachten. Später dann erfuhren wir, daß Rodolfo Dinzel so eine Art graue Eminenz des Tango ist, und daß viele heute international bekannte Tangotänzer einmal seine Schüler waren.

www.losdinzel.com.ar